see-berlin: qualifizierte Führungen in Berlin und Potsdam zu Gesellschaft, Architektur, Kunst und anderen Themen.

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Hannelore Fobo << Das Zeitalter der Bildung. Wilhelm und Alexander von Humboldt >>

Öffentliche Führung im Rahmen der Historiale 2007 am 22. August 2007 um 13.30 Uhr

Treffpunkt Innenhof der Humboldt-Universität, Unter den Linden

ca. 2 Std., Ende am Naturkundemuseum, Beitrag: 7 Euro

siehe auch Weltgästeführertag 2004, Thema "Bildung"

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"Forschen und Schaffen - darum drehen sich und darauf beziehen sich .... alle Beschäftigungen des Menschen" Wilhelm von Humboldt, 1792

"Wissen und Erkennen sind die Freude und die Berechtigung ders Menschen." Alexander von Humboldt, 1807

 

Es besteht anschließend die Möglichkeit zur Teilnahme an der Führung im Naturkundemuseum "Alexander von Humboldt als Sammler" mit Dr. Ferdinand Damaschun.
Das ganze Programm der Historiale 2007 unter dem Motto "Agenda 1807 - Den Staat umkrempeln - Die Preußischen Reformen 1807-15" finden Sie unter >> Historiale

Einführung

Obwohl schon lange keiner mehr vom "Land der Dichter und Denker" mehr spricht, erhitzt das Thema Bildung in Deutschland die Gemüter. Der Konflikt zwischen der Forderung nach "Bildung für alle", wie sie von der 68er Generation vehement vertreten wurde, und der Vorstellung von einer Bildungselite, die sozusagen "an der Spitze des Volkes" dem Land neue wirtschaftliche Impulse gibt, und die dementsprechend auch etwas mehr kosten darf, scheint nicht lösbar zu sein.

Was ist denn aber heute eigentlich mit dem Begriff "Bildung" gemeint, und wir wurde eher früher verwendet?

Goethe und Schiller waren Zeitgenossen der Brüder Humboldt und mit ihnen in engem geistigen Austausch. Sie entwickelten den Gedanken der Bildung als Selbstbildung.

"Mich selbst, ganz wie ich da bin, auszubilden, das war dunkel von Jugend an mein Wunsch und meine Absicht". Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre.

"Suchst du das Höchste? die Pflanze kann's Dich lehren. Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ist's." Friedrich Schiller

Gelten die Sätze unserer Klassiker noch, die die geschichtlich junge Idee der selbstbestimmten und freien individuellen Entwickung zusammenfassen? Reden wir zwei Jahrhunderte später nicht vielmehr von Information, wenn wir Bildung sagen? Braucht die Gesellschaft den allseits gebildeten Menschen überhaupt, oder reicht nicht vielmehr die gut informierte Person, die über das relevante Wissen zu Erledigung ihrer Aufgabe verfügt? Ist somit Bildung gleich Wissen und Wissen gleich Information? Worin liegt dann der Mehrwert des Wissens und muss er sich finanziell beweisen? Und wie kommt hier die Erziehung ins Spiel?

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Wenn man über diese Zusammenhänge etwas mehr Klarheit gewinnen will, kommt man nicht daran vorbei, sich mit der Entwicklung des Bildungsgedankens und den damit verbundenen Institutionen zu beschäftigen. Die Geschichte der Bildung ist im Grunde genommen die Geschichte der Veränderung des Menschenbildes. Wie sah sich im Lauf der Geschichte der Mensch im Verhältnis zu seinen Mitmenschen, zur gesellschaftlichen Ordnung - oder auch zur himmlischen Ordnung - , welchen Beitrag hatte er zu leisten, was war für ihn selbstverständlich, wohin hatte er zu streben und worin sah er seinen Lebenszweck?

Mit anderen Worten, was wurde vom jungen Menschen erwartet, welche Fähigkeiten sollte er sich aneigen, und wer sorgte mit welchen Einrichtungen dafür, dass er diese Fähigkeiten erhielt?

Die Berliner Wilhelm und Alexander von Humboldt haben sich ganz intensiv mit eigentlichen Aufgabe der Bildung auseinandergesetzt, jeder auf seine Weise, theoretisch und praktisch

Mit ihrer Tätigkeit ist die Gründung bedeutender Bildungsinstitutionen verknüpft, die weit über Berlin hinaus Wirkung entfalteten.

 


 

Wilhelm von Humboldt und Alexander von Humboldt

Ein bemerkenswertes Brüderpaar - Wilhelm von Humboldt, geboren 1767, und der zwei Jahre jüngere Alexander. Sie werden in eine Zeit hineingeboren, die den Menschen als eigenverantwortliches, selbständig handelndes Individuum entdeckt und in diesem Sinne auch die Freiheit und Würde jedes einzelnen Menschen anerkennt - das Zeitalter der Aufklärung, geprägt durch Kant, Goethe, aber auch Lessing, den Wilhelm von Humboldt in einer seiner ersten Schriften von 1792 fast wörtlich zitiert.

Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeinet, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit bestehet. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz. (Lessing, Über die Wahrheit, 1777)

Ihre Begabungen, ihr Wissensdrang sowie ihre privilegierte Stellung in der Gesellschaft ermöglichen es ihnen, ihren Neigungen nachzugehen und ihre Studien intensiv zu verfolgen, doch erhält diese eben diese Gesellschaft auf direkte und indirekte Weise die Früchte ihrer Arbeit.

Beide nehmen nicht nur Teil am öffentlichen Leben durch Publikationen und zahlreiche Vorträge, sondern erhalten vom preußischen König wichtige Aufgaben übertragen, die speziell bei Wilhelm von Humboldt auf eine dringend notwendige Modernisierung der Staates durch die Bildung seiner Bürger hinauslaufen. Er hat das Schulwesen in Preussen reformiert, die Gründung der Berliner Universität (1810) in die Wege geleitet und wurde Vorsitzender der "Kommision für die Auswahl der Kunstwerke und die innere Einrichtung" des ersten Berliner Museums (1829, das heutige Alte Museum). Alexander von Humboldt wiederum nutzte seine unangefochtene Stellung als einer der größten Wissenschaftler seiner Zeit und seine engen Verbindungen zum preussichen Hof für die Förderung junger Talente. Vor allem aber fühlt er sich dem Gedanken der Humanität verpflichtet, nicht nur in seinen Werken, sondern ganz konket durch sein Eintreten für Emanzipations- und Unabhängigkeitsbewegungen. Ihm ist es zu verdanken, dass in Preussen ein Gesetz verabschiedet wurde, das jeden Sklaven der preußisches Gebiet betrat, für frei erklärte.

Konfliktreicher war das Verhältnis zwischen Wilhelm von Humboldt und Friedrich Wilhelm III, vor allem zu dessen Staatskanzler Fürst Hardenberg, dessen restaurative Politik zur Entlassung des liberalen Humboldt führt (1819). Danach widmet er sich ganz seinen privaten Sprachstudien.

Zu diesem Zeitpunkt ist Alexander noch in Paris, dem damaligen Zentrum der Wissenschaft, wo er die Ergebnisse seiner fünfjährigen südamerikanischen Forschungsreise in einem dreissigbändigen Werk herausgibt. Alexander von Humboldt kehrt erst 1827 auf dringenden Wunsch des preussischen Königs nach Berlin zurück. Mit seinen öffentlichen Vorträgen über den Kosmos in der Singakademie 1827/1828 (heute Maxim-Gorki-Theater) legt er den Grundstein für eine populärwissenschaftliche Bildungsanstalt (Urania). Es folgten noch viele Jahre fruchtbarer wissenschaftlicher Arbeit, bevor Alexander von Humboldt im Jahre 1859, hochbetagt und hochgeehrt in Berlin stirbt. 24 Jahre nach seinem Bruder wird er im Familiengrab in Berlin-Tegel beigesetzt.

Beide hinterlassen eine enorme Zahl wissenschaftlicher Werke, Schriften und Briefe, deren Systematisierung und Erforschung bis heute nicht abgeschlossen ist. So wird beispielweise der handschriftliche Nachlass, Briefe und Tagebücher Alexander von Humboldts derzeit von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften herausgegeben, während an der Universität Graz ein internationales Projekt zur Edition Wilhelm von Humboldts Schriften zur Sprachwissenschaft durchführt.

Aufgrund ihres umfassenden Wirkens und ihres Einflusses auf Bildung, Forschung und Staat gelten Wilhelm und Alexander von Humboldt als die Verkörperung der deutschen klassischen Kultur.

 

Kleiner Exkurs in die geistige Welt der Brüder Humboldt

Von der Anlage her trägt es sie in unterschiedliche Gebiete - Wilhelm, der Staatsmann, Diplomat und Sprachforscher, sucht den Geist im menschlichen Ausdruck und in der tätigen menschlichen Gestaltung, insbesondere mithilfe von vergleichenden Studien der Sprachen. Alexander, Forschungsreisender, Begründer der Geophysik, Kosmologe, sucht den Geist (die Kräfte) in dem, was den Menschen umgibt, in Natur und Kosmos. Gemeinsam ist ihnen jedoch der Ansatz, durch die gründliche und vorurteilslose Beobachtung der Erscheinungen die Prinzipien der gestaltenden Kräfte und ihre Entwicklung zu erkennen.

Dazu Alexander von Humboldt in der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner "Ansichten der Natur" von 1807

"Überblick der Natur im großen, Beweis von dem Zusammenwirken der Kräfte, Erneuerung des Genusses, welche die unmittelbare Ansicht der Tropenländer dem fühlenden Menschen gewährt, sind die Zwecke, nach denen ich strebe."

Und Wilhelm von Humboldt 1792 in der Schrift "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen":

"Der wahre Zweck des Menschen - nicht der, welchen die wechselnde Neigung, sondern welchen die ewig unveränderliche Vernunft ihm vorschreibt - ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung."

Beide sind mit ihrer Auffassung Goethes Verständnis der Natur und des Menschen sehr nahe, der sie ja auch mit seiner Vorstellung von der Entwicklung der Pflanzen beeinflußt hat - er hat sie ihnen persönlich erläutert, und Wilhelm von Humboldt nimmt diesen Gedanken in die bereits erwähnte Schrift von 1792 auf.

Goethes Auffassung ist, dass die verschiedenen Erscheinungen der Wirklichkeit klassifiziert werden können nach der jeweiligen Uridee, die ihnen zugrunde liegt. Bei den Pflanzen ist es die Idee der Urpflanze. Die Urpflanze gibt es nicht materiell, und es hat sie auch nie in materieller From gegeben. Sie ist nicht die erste Pflanze, aus der sich alle anderen entwickelt haben, sondern sie verkörpert das Prinzip oder die Idee, dem alle Pflanzen in ihrem Werden folgen. Nun ist aber charakteristisch für die Pflanze wie überhaupt die organische Natur Wachstum, Vergehen und neues Wachstum: Metamorphose. Bei der Pflanze handelt es sich um eine Metamorphose des Blattes. Dabei liegt die höchste Entfaltung des Blattes in der Blüte. Nach der Befruchtung zieht sich die Form zurück in die Frucht, die mit dem Samen die Anlage zur Hervorbringung einer neuen Pflanze in sich trägt. Das Wachstum folgt dem Verlauf von Ausdehnung und Zusammenziehung. Vom Samen bis zum Werden eines neuen Samens wiederholt sich das Prinzip der Ausdehnung und Zusammenziehung dreimal, dann beginnt der Zyklus von neuem. Die Idee der Urpflanze ist aber keine abstrakte Beschreibung des Phänomens, sondern verweist auf die reale Kraft, welche die Entwicklung hervorruft..

Die genaue Beobachtung der Phänomene ist die Voraussetzung zur schöpferischen Erkenntnis der Uridee. Indem der Mensch die Urideen auffindet, ist er geistig produktiv: erzeugt er sie in sich; sie erhalten ein Bewußtsein. Die Dinge werden durch die Ideen, die der Mensch ihnen zugrunde legt, gewissermaßen vollendet. Und da die Ideen keine Wiederholung der äußeren Form sind, gibt es auch nicht eine einzige Wahrheit, sondern verschiedene Gestalten derselben.

Mit seiner Auffassung der produktiven Wahrheitsfindung steht Goethe im Gegensatz zu Kant, für den die Dinge an sich außerhalb des Menschen liegen und daher auch nicht erkannt werden können. Für Kant erhält der Mensch lediglich durch Einwirkung der Dinge einen Eindruck ("Erscheinung"), aber diese Erscheinung macht ihm keine weitere objektive Mitteilung über das Ding, als dass es existiert.. Was er tun kann, ist, die Erscheinung zu analysieren, aber er tut es mit den Gesetzen, die aus seinem Innern stammen und nur für sein Inneres Gültigkeit haben. Ein roter Ball ist also lediglich in der Erscheinung auf den Menschen rot, ob und was er tatsächlich für eine Farbe hat, darüber ist nichts zu sagen. Diese unüberwindlichen Grenzen zwischen Innen und Außen gibt es für Goethe nicht, denn die lebendige Idee, die er schafft, gehört zwar seiner Innenwelt an, ist aber auch Abbild der schöpferischen Kräfte der Außenwelt , genauso wie der Mensch selbst.

Kant hat mit seiner Auffassung zwar einen Freiraum für die Vernunft geschaffen, vor allem für die Pflicht als Vollenderin der Moral, die somit nicht abhängig von äußeren Geschehnissen ist. In der Konsequenz kann sie dann mit wissenschaftlichen Denken nicht beweisbar sein. Der Raum, der diesem moralischen Standpunkt zugestanden wird, wird aber in einer Gesellschaft, die sich zunehmend unter dem Zwang sieht, alle Handlungen auf logische (mathematische) Gesetze und wirtschaftliche Zwänge zu gründen, immer mehr eingeschränkt.

Goethes Ansatz der produktiven (anschaulichen) Erkenntnis, wie er sie in seiner Theorie des Lichts entwickelt hat, die für ihn zu einer Erkenntnis der Wirklichkeit führt und damit einen objektiven Charakter hat, bleibt im weiteren Verlauf der Wissenschaftsgeschichte weitgehend unberücksichtigt.

Das Verbindende der Denkrichtungen in den Naturwissenschaften (Alexander von Humboldt) und Geisteswissenschaften (Wilhelm von Humboldt) löst sich auf.

Während für die Wissenschaften außerhalb des Menschen - die Naturwissenschaften - als wirksame Kräfte materielle (mit Masse behaftete) Einheiten angenommen werden - Atome und deren Untereinheiten, ohne dass jedoch die Frage beantwortet werden kann, wie die kleinste denkbare Einheit zu ihrer Masse kommt -, akzeptieren die Geisteswissenschaften Kants Grundsätze der Unerkennbarkeit der "Dinge an sich" und driften ins Spekulative ab ("Wie kommt der Geist in die Materie?").


 


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