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Weltgästeführertag 2005

16. Welttag des Gästeführers 2005 - Thema "Oasen der Ruhe"

Die Mittelinsel im Tiergarten und das patriotische Bildprogramm der Siegessäule

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Führung im Rahmen des Weltgästeführertags am Sonntag, den 20. Februar 2005 um 11.00 Uhr und um 14.00 Uhr
Treffpunkt: Am Eingang zur Siegessäule (Mittelinsel)

Obwohl viele Berliner täglich an der Siegessäule vorbeifahren, kennen sie außer der "Goldelse" nur wenig an diesem bedeutenden Denkmal. Ein Besuch der Mittellinsel, einer erstaunlichen Oase der Ruhe im Meer des Verkehrslärms, gibt Aufschluß über die patriotische Programmatik des Monumentes der Reichsgründung von 1871, das bis 1938 am einstigen Königsplatz (Platz der Republik) stand.

Die Fotografie zeigt den zentralen Teil des Rundbilds der Säulenhalle: die allegorische Figur der Germania, Sinnbild Deutschlands, die gleichzeitig auch die Borussia -also Preussen - verkörpert, da Preussen aus der Hand Bayerns (hier dargestellt durch einen bayerischen Herold) die Kaiserkrone erhält.

Anton von Werner, der "Hofmaler" der Kaiser, entwarf das Rundbild im Auftrag Wilhelm I, der das Motiv vorgab: "Die Rückwirkung des Kampfes gegen Frankreich auf die Einigung Deutschlands". Bereits die ursprüngliche Fassung von 1873, die eine Vielzahl historischer Figuren abbildet und anschließend mit gewissen Veränderungen als Mosaikbild ausgeführt wurde, bekam in einem zeitgenössischen Kunstführer eine überschwengliche Würdigung:

"Diese großartige Bild, in welchem der Historienmaler Anton von Werner ein Meisterstück ursprünglichen Ranges, wie die moderne Kunst seit Rubens kein ähnliches aufzuweisen hat, geliefert, wird von Salviati in Venedig als Glasmosaik ausgeführt. " ("Ausführliche Erklärung der vier Reliefs sowie des großen Werner'schen Rundgemäldes an dem Siegesdenkmal auf dem Konigsplatz zu Berlin" Berlin 1874").

Das "Heilige Römische Reich deutscher Nation", durch Napoleon 1806 aufgelöst, hat im "Deutschen Reich" von 1871 einen Nachfolger gefunden. Die Franzosen und Napoleon III sind durch die Waffenbrüderschaft der deutschen Staaten überwunden.

Die Helden dieses Sieges sind erkennbar auf dem Fries abgebildet: Bismarck, Kronprinz Friedrich von Preussen, Prinz Friedrich Karl von Preussen und der sächsische Kronprinz. Des weiteren finden sich der Großherzog von Baden, Generalfeldmarschall von Moltke, Generalfeldmarschall Graf von Roon, die Generäle von Hartmann, von der Tann und einige andere. Es handelt sich in der Tat um ein"gemaltes Epos' in vier Gesängen'", und zwar folgendermaßen beschrieben:

1. Die überraschende Herausforderung Deutschlands
2. Deutschland in Waffen in Frankreich hinein, Prinz Friedrich Karl als Hauptfigur
3. Waffenbrüderschaft zwischen Nord- und Süddeutschland
4. Die Proklamierung des Deutschen Kaiserreichs mit Kaiser Wilhelm als Hauptfigur

Dass es um mehr als einen militärischen Sieg geht, nämlich um die Überlegenheit der deutschen Kultur, zeigt ein weiteres Zitat aus dem obengenannten Führer:

"In originaler Vermischung des Idealismus und Realismus wird in diesem Bilde der zweitausendjährige Kampf des freien Germanientums wider das wälsche Romanenthum, wider den Cäsarismus und die päpstliche Geistesknechtschnaft, der Streit der wahren Cultur wider Barbarei und Verdummung in unübertrefflicher Weise dargestellt."

Diese extreme Auffassung ist mit Sicherheit weder vom Künstler noch vom Kaiser geteilt worden - der Kaiser bestand darauf, dass Napoleon nicht erkennbar abgebildet, sondern an seiner Stelle ein allgemeiner Cäsarentyp gewählt wurde, und ebenso verlangte er, dass anstatt seiner eigenen Person eine allegorische Figur der Germania/Borussia erscheinen sollte. Dennoch nahm die symbolische Bedeutung des Sieges über Frankreich im Laufe der Jahre eher noch zu. Die entscheidende Schlacht des deutsch - französischen Kriegs bei Sedan am 2. September 1870 wurde als Nationalfeiertag im Deutschen Reich zum Inbegriff des Sieges und stärkte die Empfindung, mit Gottes Hilfe unüberwindlich zu sein - in der Jugend, im Volk, vor allem aber im Militär. Die Schlacht bei Sedan ist auf dem Bilderbogen der Rundsäule zwar nicht explizit abgebildet, doch wird sie mit dem Kampfgetümmel assoziiert.

Ein typischer Reim aus jener Zeit

"Hurrah! die Feinde fliehend weichen!

Die Fahne hoch als Siegeszeichen!

Trompeten schmetterten fern und nah!

Gott war mit uns! Viktoria!

Die Einigung der deutschen Staaten "von oben" unter der Führung Preussens durch Bismarcks Politik mit "Blut und Eisen" einerseits und durch seine Mißachtung verfassungsmäßiger Rechte des preussischen Abgeordnetenhauses andererseits wurde von klarsichtigen Personen bereits damals als schwere Hypothek auf die Zukunft erkannt. Die Annexion Elsaß-Lothringens mußte in Frankreich Revanche-Gefühle hervorrufen. Weitere Konflikte ergaben sich außenpolitisch durch den Anspruch Deutschlands auf eine führende Rolle in der Welt (allerdings erst nach der Abdankung Bismarcks) und innenpolitisch durch die eingeschränkten Möglichkeiten der parlamentarischen Mitwirkung des Volkes - zwei wichtige Ursachen für den fahrlässig begonnenen ersten Weltkrieg.

Die Erinnerung an den schnellen Sieg 1870 und die glanzvolle Rückkehr nach Berlin 1871 prägte noch die Stimmung beim Auszug der Truppen im August 1914. Sie spielte auch nach dem Zusammenbruch des wilhelminischen Reichs eine Rolle, selbst bei Persönlichkeiten, die die Niederlage im Ersten Weltkrieg als unvermeidlich ansahen. So schreibt Albert Hopmann, hochrangiger Angehöriger der kaiserlichen Marine, in einem Brief vom 2. September 1920 an seinen Sohn:

"Und wenn es Dir einmal vergönnt sein sollte, den 100. Jahrestag von Sedan zu erleben, dann steht Deutschland vielleicht wieder groß auf der Welt da als Primus inter pares unter den anderen Völkern Europas, mit denen es sich in früheren Jahrhunderten immer zerfleischt hat. Erlebst Du das mit dem Bewußtsein an deiner Stelle und in Deinem Berufe kräftig dabei mitgeholfen zu haben, dann kannst Du befriedigter auf Dein Leben zurückschauen, als es meiner Generation vergönnt ist, die voller Bitterkeit ins Grab gehen wird." (Albert Hopman, Das ereignisreiche Leben eines >Wilhelminers<, herausgegeben von Michael Epkenhans, 2004)

Die letzten Siegesfeiern, die die Siegessäule erlebte, fanden im Jahre 1945 statt - in der zerstörten Reichshauptstadt, durch sowjetische Truppen. Sechs Jahre zuvor war sie an den großen Stern im Tiergarten umgesetzt worden. Dort sollte sie auf der Ost-West-Achse einer künftigen Reichshauptstadt "Germania" Teil eine Triumphachse werden.

Die heutigen Besucher interessieren sich weniger für Geschichten um Krieg und Frieden, und mit dem Sedanstag werden die wenigsten etwas anfangen können. Was in erster Linie anlockt, ist der Blick aus 50 Metern Höhe und - immer im Juli - das Riesenspektakel der Love Parade rund um die Siegessäule, bei der die "Jugend der Welt" auf ihre Kosten kommt, und diese ist, zumindest, was die Musik angeht, nicht mehr national orientiert.


Seit mehreren Jahren bieten die im Bundesverband der Gästeführer in Deutschland (BVGD) organisierten lokalen Verbände am 21. Februar, dem Weltgästeführertag, Führungen zu einem übergreifenden Thema an. Da der 21. Februar 2005 ein Montag ist, finden die Führungen in diesem Jahr am Sonntag, den 20. Februar statt. Die Führungen stehen unter dem Motto "Oasen der Ruhe". An diesem Tag laden die Mitglieder des "Verbands der Berliner Gästeführer Berlin Guide e.V" das Berliner Publikum zu insgesamt 8 verschiedenen Spaziergängen ein.

Das ausführliche Programm finden Sie ab Anfang Februar 2005 unter www.berlin-guide.org/Welttag.html

© Foto / Text: H. Fobo 2005

 



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