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Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Auf der Suche nach der neuen Kunst

Ein Streifzug durch Berliner Galerien, Sammlungen und Projekträume

© Hannelore Fobo, Berlin 2011
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KW Institute for Contemporary Art

KW Institute for Contemporary Art
Innenhof mit Café Bravo.
© Fobo 2011

Wenn man sich das exponentielle Wachstum der Berliner Kunstszene in den letzten beiden Jahrzehnten vergegenwärtigt, könnte man zu dem Schluss kommen, dass der Kunst heute generell eine viel größere Bedeutung zukommt als noch vor wenigen Jahren. Das ist aber nur der Fall, wenn man die Kunst mit dem Kunstbetrieb gleichsetzt. Dass Kunst ist, was der Künstler produziert, ist eine Banalität, doch da es darüber hinaus kaum einen ernsthaften Versuch gibt, die Kunst von der Nicht-Kunst abzugrenzen, ist Kunst eben das, was in den zahlreichen Galerien, Museen oder Projektorten gezeigt wird. Dieser Ansatz ist zwar für die Theorie wenig befriedigend, spielt in der Praxis mangels echter Alternativen aber weiterhin die ausschlaggebende Rolle.

Einige dieser Orte will ich Ihnen mit diesem Rundgang vorstellen. Es sind Klassiker dabei, soweit man bei einer zwanzigjährigen Existenz schon von Klassikern sprechen kann, und es ist von Newcomern die Rede, die im Kulturteil der Zeitungen gerne mit dem Attribut «ambitioniert» bedacht werden. Dies ist in der Kunst übrigens nicht unbedingt anerkennend gemeint. Meine Auswahl ist zwar persönlich, aber nicht willkürlich. Denn wer nach Kunst sucht, sucht das Neue, das Unerwartete, im besten Fall das Geniale, das einen in Bann schlägt, und da verlässt man sich zunächst auf die Professionellen und sucht dann bei den Experimentellen. Dabei muss man lediglich zwei Wahrheiten beherzigen: Ein hoher Preis ist kein Beweis für gute Kunst, und ein niedriger Preis ist kein Beweis für schlechte Kunst. Man sollte die Frage nach dem Preis überhaupt nicht stellen, falls man nicht gerade Sammler ist. So verliert man zwar ein attraktives Gesprächsthema, erhält sich aber seine Unbefangenheit.


Totgesagte leben länger: die Auguststraße

Natasha in der Auguststrasse © Fobo 1992 Im Hintergrund rechts die ehemalige Jüdische Mädchenschule

Natasha in der Auguststrasse © Fobo 1992
Im Hintergrund rechts die ehemalige Jüdische Mädchenschule.
Wir beginnen unseren Spaziergang in Berlin-Mitte in der Auguststraße. Kurz nach der Wende etablierte sich hier in diversen leerstehenden Gebäuden und Wohnungen die junge Kunstszene. Der Charme der bröckelnden Altbauten im Zentrum der Stadt, deren Totalabriss die DDR-Stadtplanung vorgesehen hatte, zog junge Leute aus Ost und West magisch an. Der Höhepunkt des Hypes um die Auguststraße war Mitte der neunziger Jahre erreicht. Dann kamen weitere zentrale Galerienstandorte auf, interessanterweise aber nicht mehr im «alten» Westen - der hatte seine Anziehungskraft erst einmal verloren -, sondern in der Nähe des Hackeschen Marktes und in den S-Bahnbögen an der Jannowitzbrücke. Das ist nun auch schon wieder Geschichte. Heute spricht man von den Kunsträumen in Kreuzberg Nord oder der Potsdamer Straße. In der Auguststraße aber gibt es nach wie vor eine Galerie neben der anderen und mittlerweile auch private Museen. Dass es sich um eine etablierte Adresse handelt, sieht man auch daran, dass sich um die ehemalige Jüdische Mädchenschule in der Nummer 11 - 13 gleich zwei renommierte Galerien beworben haben. Der Zuschlag ging an die Galerie Haas & Fuchs, die das Haus ab 2012 mit weiteren Partnern betreiben wird.

In die Auguststraße 69 – gegenüber dem Schulgebäude – zogen 1991 junge Künstler und Kunstenthusiasten mit den kurz zuvor gegründeten Kunst-Werken. kw-berlin.de Damals konnte man auf der Außenfassade des spätbarocken Vorderhauses noch den Schriftzug «Berolina Margarinenfabrik», lesen, seit der Sanierung befindet sich an seiner Stelle das Kürzel KW. Im Zuge der Sanierung kamen auch großzügige Ausstellungsräume und das von dem amerikanischen Künstler Dan Graham konzipierte Café Bravo im wunderbar lauschigen Hof dazu.

Der Aufstieg der Kunst-Werke begann 1992 mit der Ausstellung «37 Räume»: Gewerbe- und Wohnräume in der August-, Gips- und Tucholskystraße wurden «bespielt», wie man in der Kunstwelt sagt, wenn man den künstlerischen Anspruch bei der Gestaltung eines Raumes unterstreichen will. Mit ihren öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten, worunter auch die Vergabe von Atelierräumen fällt, qualifizierte sich der Verein als Träger der Berlin Biennale, die seit ihrer Einrichtung im Jahr 1996 regelmäßig viel Publikum anzieht. Damit haben die Kunst-Werke den anderen großen institutionell geförderten, aus Westberliner Zeiten stammenden Kunstvereinen NBK und NGBK endgültig den Rang abgelaufen. Der Vollständkeit halber sei erwähnt, dass es zu solch selbständig agierenden Kunstvereinen im Osten kein Pendant gab.

Auf Internationalität bedacht, nennen sich die Kunst-Werke mittlerweile KW Institute for Contemporary Art. Sie bilden den Prototyp des zeitgenössischen Kuratoren-Kunstvereins. Die Rolle des Kurators oder der Kuratorin ist im heutigen Kunstbetrieb ähnlich der eines Marktforschers: Er «beleuchtet Trends», die er «kritisch hinterfragt» (Zitat Berlin Biennale). Es ist aufschlussreich, dass die Künstler, die sich zur Teilnahme an der Biennale 2012 bewerben wollen, aufgefordert werden, «über ihre politische Neigung zu informieren (z. B. rechts, links, liberal, nationalistisch, anarchistisch, feministisch, maskulinistisch, oder worüber Sie sich sonst identifizieren) oder aber darüber, ob Sie sich für unpolitisch halten». Vermutlich ist der Ansatz der Biennale, das Publikum in fremde Räume oder öffentliche Brachflächen mitzunehmen, allmählich in die Jahre gekommen, und so bietet die Selbstpositionierung der Kandidaten den Kuratoren neue Möglichkeiten für eine «kritische Hinterfragung».

Die Kunst-Werke sind dafür berühmt, dass sie es in der kritischen Hinterfragung zu virtuosen Graden der Unverständlichkeit bringen. Hier der Einladungstext von der Homepage der KW zu einer Lesung im Dezember 2010 mit dem Lacan-Spezialisten Lorenzo Chiesa. Das Thema ist «Die Morale Provisoire des Partisanen»:
«Lorenzo Chiesa umreißt in seinem Vortrag die Art und Weise, in der die subjektive Figur des Partisanen es ermöglicht, eine Zone der Unbestimmtheit zwischen provisorischer Moralität und radikaler Politik zu denken. In Momenten, in denen die Treue zu einem revolutionären Ereignis suspendiert und das Subjekt auf nur einen widerständigen ‚Punkt’ der Wahl reduziert ist, wird durch den Partisanen die Suche nach dem Universalismus der Unbestimmtheit, das heißt nach Gleichheit, in den wenigen, die politisch sind, wenn nicht sogar in dem einen, aufrechterhalten. Der Universalismus des Partisanen könnte als ein Humanismus der Unmöglichkeit verstanden werden, der kein Humanismus der Endlichkeit ist».

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