sightseeing in Berlin and Potsdam


 

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Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Auf der Suche nach der neuen Kunst

Ein Streifzug durch Berliner Galerien, Sammlungen und Projekträume

© Hannelore Fobo, Berlin 2011
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 Hofgarten von Clärchens Ballhaus, Auguststraße. © Fobo 2009

Zwischen zwei Kunstterminen: kurze Entspannung im Hofgarten
von Clärchens Ballhaus, Auguststraße.
© Fobo 2009

An Weltschmerz lässt sich bekanntlich gut leiden, vor allem, wenn er staatlich alimentiert wird, was man aber als Beitrag zur Psychohygiene der Gesellschaft rechtfertigen kann. In diesem Sinne ist eine erfolgreiche Ausstellung eine umstrittene Ausstellung - wie zum Beispiel im Jahr 2005 «Zur Vorstellung des Terrors: Die RAF- Ausstellung». Jedoch sind nicht alle Ausstellungen auf Schockwirkung ausgelegt. Die Präsentation der Werke von Absalon Ende 2010 zeigte elegantes Design: große bewohnbare Skulpturen, zusammengefügt aus Quadern und Drehzylindern, geschlitzt, halbiert, mit abgerundeten Ecken, die sich teilweise oder ganz durchdringen und dadurch eine Vielfalt an Formen zustande bringen.

Unter Design verstehe ich die proportionierte Gestaltung des Raumes unter Verzicht auf die Darstellung des Menschen. Das Prinzip des Ineinanderfügens geometrischer Körper für Wohnhäuser wurde übrigens vom Architekten Ludwig Persius im 19. Jahrhundert mit großer Raffinesse angewandt – ein Besuch in Potsdam, wo zahlreiche seiner Bauten erhalten sind, lohnt sich. Später hat das Bauhaus diese Herangehensweise für die industrielle Formgestaltung aufgegriffen; sein Einfluss auf Absalon ist deutlich zu sehen. Neu ist, dass Absalon dieses Gestaltungsprinzip auch für die Inneneinrichtung nutzt und dabei wenig Rücksicht auf menschliche Maße nimmt. Vor allem Kinder sind begeistert beim Eintritt in diese skurrilen Welten.

Die Erwartungen an die Ausstellungsmacher der KW sind weiterhin hoch, und wer die Jugend der Welt aus Friedrichshain, Kreuzberg und Neukölln kennenlernen möchte, sollte zu einer der großen Eröffnungen kommen. Toleriert wir auch der Besucher, der sich nicht auf der Höhe des kunsttheoretischen Diskurses befindet. Der penetrante Snobismus der neunziger Jahre, als ein Schild im Eingangsbereich der KW den Touristen klar machte, dass Gruppen nur nach Anmeldung willkommen seien, hat einem abgeklärten Selbstbewusstsein Platz gemacht. Schließlich legt man mit der Zahl der Besucher Rechenschaft über die Verwendung öffentlicher Gelder ab. kw-berlin.de


Kunst im Privaten

Auf dem freien Grundstück neben den Kunst-Werken, der Nummer 68 der Auguststraße, wurde im Mai 2010 ein voluminöser Neubau des Sammlers Thomas Olbricht mit dem nicht weniger voluminösen Namen me Collectors Room Berlin eröffnet, wobei «me» für «moving energies» steht. Das Haus verfügt über Wohnungen und 1300 Quadratmeter Ausstellungsfläche für die, wie man feststellt, sehr persönlich geprägte Sammlung des Hausherrn. Der kompakte und schwere Bau überrascht mit großzügigen, durchlässigen Innenräumen, die auf den Besucher ausgesprochen einladend wirken. Im vorderen Bereich befindet sich ein Restaurant mit einer Lounge, welche sich über zwei Etagen erstreckt und über ein großes Panoramafenster zum anliegenden Sportplatz verfügt. Die Lounge ermöglicht einen ersten Blick in die Ausstellung, bevor man sich entschließt, das Eintrittsticket zu lösen.

Berlin beherbergt mittlerweile eine ganze Reihe von Privatmuseen, die der zeitgenössischen Kunst gewidmet sind. Dies rückte spätestens 2006 ins öffentliche Bewusstsein, als der Unternehmer Christian Boros seine Sammlung in einem ehemaligen Hochbunker in der Reinhardtstraße eröffnete. (Text: Die Sammlung Boros im Bunker.) Das Typische an diesen Privatmuseen ist, dass die Sammlungen, die sie beherbergen, außerhalb Berlins entstanden sind, für ihre Präsentation aber Berlin als neue deutsche Kunsthauptstadt gewählt wird. Die zunehmende Konkurrenz in diesem Sektor bedeutet, dass es nicht genügt, ein Museum zu eröffnen - es müssen auch genügend Gelder vorhanden sein für seine institutionelle Verankerung in der Stadt, sprich für Personal und Marketing, Führungen, Veranstaltungsreihen, aber auch für Neuhängungen oder Präsentationen von Neuerwerbungen. Vor allem aber muss die Sammlung ein unverwechselbares Profil haben. Das ist bei der Sammlung Boros bereits durch die spektakulären Räumlichkeiten gegeben; bei Olbricht ist es die Kombination der Sammlungsschwerpunkte Olbricht Collection und Wunderkammer Olbricht.

"Departures" Polly Morgans Vögel in Eingangsraum des me Collectors Room Berlin © Fobo 2011

"Departures" Polly Morgans Vögel in Eingangsraum des
me Collectors Room Berlin
© Fobo 2011
Abbildung mit freundlicher Genehmigung von me Collectors Room
Das Sammeln von allerlei Kostbarkeiten, Merkwürdigkeiten, Exotica und wissenschaftlichen Instrumenten, wie es die historischen Wunderkammern auszeichnete, geriet Thomas Olbricht ganz offensichtlich zur Leidenschaft. Der obere Bereich der Lounge sowie ein schmaler, schwarz ausgeschlagener Gang mit Kabinett sind als Wunderkammer solchen besonderen, zumeist historischen Objekten gewidmet. Kostbare und seltene Gegenstände höfischer Kultur wie ein Bernsteinspiegel von 1670 werden mit gleicher Akkuratesse inszeniert wie die Tierpräparate eines Igelfisches und einer Schildkröte oder die Modellfeuerwehrautos, die Olbrichts Sammlertätigkeit schon zur Jugendzeit auslösten. Dominierend sind geschnitzte Skelette und Totenköpfe in Miniaturformen - der Tod in allen Formen, wozu es im Ausstellungstext heißt «Vielleicht auch nur eine Form, um die Angst vor der Endgültigkeit zu überwinden?» Als Arzt und Endokrinologe hat Thomas Olbricht gewiss viel mit dem Tod zu tun gehabt; hier wird das Grauen vor dem Tod in Vitrinen eingesperrt. Wenn bei der Auswahl, wie wir im selben Text lesen, «der Wunsch nach Entdecken und Verstehen des Menschseins die Triebfeder bildet», so man muss hinzufügen, dass vom lebenden Menschen hier jedenfalls nichts zu spüren ist. Der Totenkopf als Vanitas, als «Bedenke, dass Du sterblich bist», auf die sich Olbricht beruft, erinnert in der christlichen Symbolik an die Erlösung des Menschen in der Auferstehung nach dem Tod; bei Olbricht fühlt man sich aber in die Ewigkeit des Todes versetzt. Der Mensch der Renaissance staunt über die Vielfalt des Lebens, der heutige Mensch staunt über die unermüdliche menschliche Tätigkeit angesichts des unausbleiblichen Endes.

Auch die Olbricht Collection beinhaltet eine Zusammenstellung von Artefakten, die den menschlichen Fleiß bezeugen, allerdings gilt für diesen Bereich mit seinen temporären Ausstellungen, dass der Fleiß leider manchmal mehr Wollen als Können zum Ausdruck bringt. Ein Beispiel aus der Eröffnungssaustellung ist das grauenhaft dilettantische Gemälde «Equestrian Portrait of King Philip II» von Kehinde Wiley aus dem Jahr 2009. Es zeigt Michael Jackson hoch zu Ross nach der Vorlage von Rubens’ Darstellung von Philipp II. Selbstverständlich muss bei Wiley alles viel prächtiger sein als bei Rubens, die Farben bunter und glänzender, das Pferd märchenhafter, der Himmel dräuender, der Engel gleich zwei. Was der Künstler von diversen Bildvorlagen übernahm, hat er akribisch abgemalt, ohne auf die Komposition Rücksicht zu nehmen: Proportionen und Haltung harmonieren nicht, alles beengt einander. Sein größtes Problem ist aber Michael Jacksons Gesichtsausdruck. An Einfalt kaum zu überbieten, hält es dem feinsinnigen, klugen Blick Philipps II von Rubens oder gar von Tizian in keiner Weise stand. Michael Jackson ist dieser Anblick erspart geblieben, uns leider nicht.

Samstags um 15.00 Uhr bietet me collectors öffentliche Führungen, die ich sehr empfehle. Der Kreis der Interessenten bleibt zumeist klein, die Kunsthistoriker kennen die Herkunft der Objekte und können anschaulich erzählen. Zudem lassen sie sich in anregende Diskussionen über schwarze Magie verwickeln, und das bannt die Geister der ausgestopften Tiere und des Schrumpfkopfes, die das Haus bevölkern. me-berlin.com



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