sightseeing in Berlin and Potsdam


 

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Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Auf der Suche nach der neuen Kunst

Ein Streifzug durch Berliner Galerien, Sammlungen und Projekträume

© Hannelore Fobo, Berlin 2011
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Galerie EIGEN+ART, Leipzig, Spinnerei © Fobo 2011

Galerie EIGEN+ART, Leipzig, Spinnerei
© Fobo 2011

Die Mitte kommt aus dem Osten

In der Augustraße 26, kurz vor der Kreuzung mit der Großen Hamburger Straße, befindet sich seit 1992 die Galerie EIGEN+ART von Gerd Harry Lybke. Der Galerist, besser bekannt als «Judy» Lybke, eröffnete diesen Standort für die Ausstellung «37 Räume» als Berliner Dependance seiner Leipziger Galerie, die er noch zu DDR-Zeiten in Betrieb nahm. Der internationale Erfolg der sogenannten «Neuen Leipziger Schule» ist nicht zuletzt sein Verdienst, und der Galerist ist dabei selbst sehr erfolgreich geworden. Diese Tatsache lässt sich zwar nicht an der Größe der Galerieräume erkennen – der Altbau ist recht verwinkelt – , dafür aber an der Liste des Mitarbeiterstabes, die auf den Einladungskarten abgedruckt ist: Neben seiner Geschäftspartnerin Kerstin Wahala sind es in Berlin und Leipzig fünfzehn weitere Personen, übrigens fast ausschließlich Damen, was Kunsthistorikerinnen interessieren dürfte. Beachtlich ist auch die Zahl der Messebeteiligungen, die ja für die Anbahnung und Abwicklung von Verkäufen eine herausragende Rolle spielen. So fällt die Enge der Berliner Galerie nicht ins Gewicht, zumal in Leipzig größere Räume zur Verfügung stehen, und es besteht keine Notwendigkeit, die bewährte Adresse aufzugeben.

In der Wendezeit waren es neben den Kunstwerken vor allem die Galerien EIGEN+ART und Friedrich Loocks Wohnmaschine, die den Ruf der Auguststraße als Kunstmeile begründeten. Beide Galeristen verfügen über Ostbiografien, was sie für die westliche Presse besonders interessant machte, denn in der DDR gab es so gut wie keine privaten Galerien. Somit waren Lybke in Leipzig bereits ab 1983 und Loock in seiner Berliner Wohnung ab 1988 Pioniere auf diesem Feld und mischten nach dem Mauerfall die sehr übersichtliche Westberliner Galerieszene gründlich auf. Bis jetzt nährt sich Berlins Mythos als Kunststadt von diesen Gründerjahren, und die Stadt ist gut beraten, die letzten zentralen Inseln dieser Aufbruchszeit (Tacheles, Haus Schwarzenberg) für den internationalen Tourismus als Biotop zu schützen. Ich durfte Friedrich Loock 1992 einen Monat lang in seiner Galerie assistieren, die er im Erdgeschoss an der Ecke August- / Tucholskystraße, direkt unter seiner Wohnung eröffnete; geblieben ist mir neben meiner Fotoserie „Natasha in der Auguststraße” die Erinnerung an kalte und feuchte Räume und an die prekäre hygienische Ausstattung.

Halle am Wasser © Fobo 2008

Glänzende Hülle. Die Halle am Wasser, landwärts. © Fobo 2008

Dem Galeristen haben diese Umstände nicht geschadet. Er erweiterte recht schnell das Spektrum seiner Ausstellungen, präsentiert heute eine Reihe ausländischer Künstler mit Fokus auf Japan und ist gesuchter Gesprächspartner bei Diskussionsrunden zur „Situation der Kunst”. Vor einigen Jahren hat er seine Galerie unter eigenem Namen in der Halle am Wasser neu eröffnet und wurde damit erneut zum Trendsetter: dieses Mal für das Galerienviertel am Hamburger Bahnhof. halleamwasser.de (Invalidenstraße 50/51, 10557 Berlin)


EIGEN+ART wird dagegen trotz internationaler Künstlerliste zuallererst mit der deutschen Gegenwartsmalerei assoziiert, beziehungsweise mit dem, was im Ausland dafür steht: surrealistische Kompositionen, die die Beziehungen zwischen den oftmals karikaturenhaft verzerrten Figuren verrätseln. Im Unterschied zur Dynamik eines Dalí zeichnet sich diese Malerei durch eine gewisse Kraftlosigkeit und Passivität aus: Die weltabgewandte melancholische Romantik Caspar David Friedrichs ist durch den aggressiven Expressionismus von Otto Dix und George Grosz hindurchgegangen und anschließend durch den grotesken Nachkriegsrealismus der DDR, was sie vollends depressiv gemacht hat. Bemerkenswert ist, dass dieser deutsche Markenartikel gerade in den USA Erfolge feiert. Offensichtlich wird dort unser zäher und langlebiger Depressionismus als genuin deutsch empfunden. Gerd Harry Lybke hat gleich drei Vertreter dieser Richtung im Programm: Tim Eitel, Matthias Weischer und den Star der Szene Neo Rauch, mit dem er von Anfang an zusammenarbeitete. eigen-art.com

Der Galerist sorgt sich jedoch nicht nur um seine Stars, sondern auch um den Nachwuchs. Im Rahmen seines Lehrauftrags 2009 / 2010 an der Weißensee Kunsthochschule Berlin unterstützte er ausgewählte Studenten und Studentinnen – «Kollegen», wie er sie nannte – bei der Präsentation ihrer Arbeiten in den «Uferhallen» in Berlin Wedding, und damit sind wir beim nächsten Thema, den Projekträumen im Wedding.



Wedding für Einsteiger

Wedding

Wedding. © Fobo 2011
Der Wedding gehört seit 2001 zum Bezirk Mitte, was aber nichts daran ändert, dass er in der Wahrnehmung weiterhin zur Peripherie zählt, wenn auch zur zentrumsnahen Peripherie, weshalb manches Weddinger Hotel mit einer «optimalen Lage» wirbt. Zu Mauerzeiten war die Lage dieses Westbezirks alles andere als optimal. Der kürzeste Weg nach Kreuzberg war die Transitstrecke der U-8 oder der U-6, deren Ostberliner Bahnhöfe ohne Halt durchfahren wurden. So war der Wedding abgehängt und die Mieten blieben billig. Keiner schwärmte vom multikulturellen oder alternativen Wedding – in den Wedding zog man, wenn man woanders keine Wohnung fand. Manche halten den Wedding deshalb für authentischer und hoffen auf Milieuschutz. Hier haben sich einige Berliner Kuriositäten erhalten wie zum Beispiel Mietshäuser ohne Klingelanlage und mit Steckschloss an der Eingangstür, für welches man einen Schlüssel mit zwei Bärten benötigt. Wird das Steckschloss abends vom Hausmeister mit einem Spezialschlüssel verschlossen, so sind die Mieter gezwungen, den Schlüssel nach dem Aufschließen durch das Schloss hindurchzuschieben und es von der anderen Seite wieder abzuschließen, damit sie den Schlüssel abziehen können – das Haus bleibt zu. Dies machte Besuche vor der Erfindung des Mobiltelefons zu einer logistischen Herausforderung. An das Fenster seiner straßenseitigen Wohnung im Erdgeschoss hat 2010 ein genervter Bewohner folgenden Hinweis angebracht: „Bitte nicht klopfen wenn Haustür zu ist, machen die Haustür nicht auf. Egal wer klopft. Man nennt das Ruhestörung und kann zur Anzeige gebracht werden!”



Zurück zur Kunst. Auch wenn der Wedding kein Galerienstandort ist, so ist er jedenfalls aus Sicht der „Kreativwirtschaft” nicht so langweilig wie Steglitz oder Reinickendorf. Mittlerweile findet sich hier eine beachtliche Zahl von Kulturinitiativen.

Bunt aber ordentlich  Mieterbriefkästen der Uferhallen. © Fobo 2011

Bunt aber ordentlich
Mieterbriefkästen der Uferhallen.
© Fobo 2011

Flächenmäßig am größten ist die bereits erwähnte Uferhallen GmbH. (Uferstr. 8-11, 13357 Berlin). Sie gehört der privaten Uferhallen AG, welche 2007 das 38 000 Quadratmeter große Areal an der Panke von den Berliner Verkehrsbetrieben erworben hat. Ihre Eigentümer stehen vor der gewaltigen Aufgabe, die bestehenden Gebäude zu sanieren und zu entwickeln, was zum Teil schon gelungen ist: In den „Uferstudios” entsteht mit 14 großzügig geplanten Einzelstudios ein Zentrum für den zeitgenössischen Tanz in öffentlich-privater Trägerschaft.

Möglich ist dies allerdings nur dank millionenschwerer öffentlicher Investitionen, die dem Projekt über die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin zugeleitet wurden. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite, wo sich auch die 3000 Quadratmeter große ehemalige Zentralwerkstatt der BVG befindet, ist die Situation schwieriger. Zwar  sind alle Atelierräume vermietet, doch die riesige, mit Oberlicht ausgestattete Ausstellungshalle lässt sich mangels Heizung im Winter schlecht betreiben, und so wird ein „ökologisch verträgliches Energiekonzept“ gesucht. Die Halle zu füllen, ist an sich schon eine Herausforderung. Die Vermietung an Kulturinstitute und Bildungsinstitutionen bietet sich an, aber auch Privatunternehmen kommen zum Zug. Zu den öffentlichen Veranstaltern zählen unter anderem die TU Berlin, das Kulturministerium von Georgien, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und die Humboldt-Universität. Einen Schwerpunkt dieser Institutionen bilden die Präsentation von Semester- und Diplomarbeiten sowie Projekttage und Wettbewerbe zur Architektur und zum ökologischen Bauen, zur Mode, zu Design, Grafik, Bildhauerei, Malerei. uferhallen.de

von links nach rechts: Sebastian Teubner, Cornelia Lochmann, Anne Kollwitz, Anne Kutzner, Anna Kaufmann, Lars  Greßmann,  Galerist und Lehrbeauftragter Gerd Harry Lybke, Silke Weyer, Rosali Dupré. © Fobo 2010

Ausstellung «Lehrauftrag Lybke» in den Uferhallen im Wedding
von links nach rechts: Sebastian Teubner, Cornelia Lochmann, Anne Kollwitz, Anne Kutzner, Anna Kaufmann, Lars  Greßmann,  Galerist und Lehrbeauftragter Gerd Harry Lybke, Silke Weyer, Rosali Dupré.
© Fobo 2010

In diesen Zusammenhang gehört die Ausstellung «Lehrauftrag Lybke» der Weißensee Kunsthochschule Berlin im November 2010. Neun Kunststudentinnen und –studenten zeigten teils sehr großformatige Werke figurativer und abstrakter Malerei sowie Skulpturen und Konzeptkunst. Weil die «Uferhallen» aufgrund ihrer heterogenen Nutzung kein klares Profil haben, blieb es nicht aus, dass manch einer der Besucher die Ausstellung mit der parallel im Nebenraum laufenden Schau des Künstlersonderbundes „Realismus der Gegenwart“ verwechselte. Aus der Sicht des Galeristen war dies kein Manko, gab es den jungen Leuten doch die Möglichkeit, sich mit den rauen Bedingungen des Kunstbetriebs bekannt zu machen und die eigenen Kunstwerke im Gespräch mit dem zuweilen verständnislosen Besucher verteidigen zu müssen.

Und noch einen Rat gab Lybke den Künstlern und Künstlerinnen mit auf den Weg. Um nicht – wie im vorliegenden Fall – von den mehr oder weniger willkürlichen Auswahlkriterien einer Jury abhängig zu sein, solle man nach Abschluss der Kunsthochschule mit Gleichgesinnten für ein Jahr eine Produzentengalerie betreiben. Wohlgesonnene Verwandte oder Freunde kämen als Finanziers in Betracht. Auf diese Weise könne man mit Galeristen Kontakte knüpfen und Erfahrungen in der Ausstellungsorganisation erwerben.

Allerdings ist ein eigener Stil die Voraussetzung dafür, eine künstlerische Marke zu kreieren, die wiederum notwendig ist für eine professionelle Vermarktung. In dieser Beziehung war Lybkes Fazit eher ernüchternd: er sagte, dass er zum jetzigen Zeitpunkt keine der beteiligten Künstlerinnen oder Künstler in sein Programm aufnehmen würde. Immerhin forderte er sie auf, ihn über ihre Aktivitäten auf dem Laufenden zu halten. Und das ist bei der Fülle des Angebotes keine geringe Sache.




 

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