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Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Auf der Suche nach der neuen Kunst

Ein Streifzug durch Berliner Galerien, Sammlungen und Projekträume

© Hannelore Fobo, Berlin 2011
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Was Projekträume betrifft, so bieten sich dem aufstrebenden Künstler im Wedding Chancen, denn aufgrund der geringen Kaufkraft seiner Bewohner gibt es nicht wenige leerstehende Läden. Das Konzept der Zwischennutzung wurde im Neuköllner Reuterkiez mit öffentlichen Mitteln erfolgreich angewandt; im Wedding ist es das landeseigene Wohnungsunternehmen degewo, welches sich durch die Aktivitäten von Künstlern eine Aufwertung des «sozial belasteten» Soldiner Kiezes verspricht. Das Konzept mit dem übergreifenden Namen Kolonie Wedding scheint aufzugehen, wenn auch die Eigenwerbung der degewo, «bezahlbare Atelier- und Ausstellungsräume bilden hier die ideale Grundlage für den aussichtsreichen Start in die Karriere» wohl reichlich hochgestapelt ist. Andererseits kann man vermuten, dass die Werbung den Erwartungen zumindest einiger der mittlerweile 32 Partner der Kolonie Wedding entspricht, die seit 2005 ein eingetragener Verein ist. Unter den «Kolonisten» gibt es mehrere Künstler, die den gemeinsamen Auftritt als Marketinginstrument für ihr eigenes Atelier nutzen. Es fällt aber ins Auge, dass kein einziger der beteiligten Projekträume sich «Galerie» nennt, auch wenn der Fantasie bei der Namensgebung sonst keine Grenzen gesetzt sind: «2 Garage 2 Reloaded», «Anstalt Wedding», «art-front-berlin», «okk I raum 29 (Organ kritischer Kunst)», «pluto», «ortsbezogene Kunst» – um nur einige zu nennen.

ExRotaprint. Gemeinnützige GmbH und Standort für  Arbeit, Kunst, Soziales im Wedding. © Fobo 2011

ExRotaprint. Gemeinnützige GmbH und Standort für
Arbeit, Kunst, Soziales im Wedding.
© Fobo 2011
Den Unterschied zwischen einem Projektraum und einer Galerie kann man im Wesentlichen darin sehen, dass der Galerist von Anfang an eine Gewinnerzielungsabsicht hat, wie es im Steuerrecht heißt, während die Betreiber eines Projektraumes sich gerne «nichtkommerziell» nennnen, was allenfalls eine vage Vorstellung vom Verkauf der ausgestellten Werke vermuten lässt. In diesem Sinne erfüllt sich die Verheißung vom «Start in die Karriere» vielleicht nicht unbedingt für die Künstler, deren Werke man hier zu sehen bekommt, sondern eher für die Kuratoren, die sich durch ihre Ausstellungstätigkeit profilieren und sich damit für eine bezahlte Stelle in Berlin-Mitte empfehlen. Man inszeniert innovativ und provokativ, betreibt den künstlerischen Dialog plattformübergreifend und experimentell und bespielt den White Cube mit künstlerischen Positionen von vornehmlich multimedialem Charakter. Des weiteren widmet man sich der kulturellen und künstlerischen Praxis und deren Bedingungen im lokalen und internationalen Kontext, sucht, erspürt und schafft Synergien, wobei man sich seiner Verwurzelung im Quartier bewusst bleibt und dies nach außen erfahrbar macht. Kurz gefasst, man macht gute Ausstellungen. Nachzulesen auf der Homepage mit den Selbstdarstellungen der Kolonisten; neu abgemischt von mir.

Das sollten genügend gute Gründe sein, um Berlin-Mitte Nord anlässlich eines der Ausstellungswochenenden der Kolonie Wedding einen Besuch abzustatten. Sie finden in der Regel am letzten Wochenende des Monats statt; unter koloniewedding.de erfährt man Treffpunkt und Uhrzeit der geführten Rundgänge, die von den Veranstaltern angeboten werden. Solch ein Rundgang erleichtert nicht nur die Orientierung, sondern ermöglicht es dem Kunstliebhaber auch, die Meinung der Ausstellungsmacher kennenzulernen, ohne seine eigene preisgeben zu müssen.

 

Innovativ oder provokativ?

Der gemeinsame Rundgang vom November 2010 beginnt im Art Laboratory Berlin (Prinzenallee 34, 13359 Berlin). Dem dort ausliegenden Text kann man entnehmen, dass die Gruppenausstellung mit dem Titel «Stardust Boogie Woogie» das «Thema des Starkults sowie der modernen Helden» erforschen will, und zwar in Anlehnung an Andy Warhols Aussage, dass in Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein werde. Konkret bedeutet das, dass wir auf kleinen Täfelchen lesen «I like Frank Stella», «I like Baldessari», oder auf kleinen Stickbildern «Star Struck» und «Star Fuck». Wem das als Erkenntnisgewinn nicht reicht, der kann sich von der enthusiastischen Betreiberin des Projektraums die blauen Gummiwürste erklären lassen, die auf dem Boden in eine bestimmte Form gelegt wurden. Es handelt sich dabei um verkleinerte Negativabdrücke von Gartenswimmingpools, die in ihrer Gesamtheit die Fläche des Bodensees im Modell nachbilden. Die Künstlerin lebt in Kalifornien und untersucht außer dem Bodensee auch den Ort des Mordes an Robert Kennedy. Aha. Besonders herausgehoben werden die Bilder der russischen Künstlerin Tania Antoshina, laut Ausstellungstext «eine der bedeutendsten russischen Künstler seit der Perestroika». In Wirklichkeit sind ihre Abbildungen von Gagarin in der Manier der Pop-Malerei dort ein alter Hut, Gagarin war bereits das Label für die großen Moskauer Rave-Parties der neunziger Jahre. Das einzig Neue ist, dass die Künstlerin ihren eigenen Namen mit ins Bild gesetzt hat. Insgesamt bietet diese Ausstellung mit dem Konzept «XY-hat-etwas-gesagt-und-ich-habe-auch-eine-Meinung-dazu» weder Neues noch Tiefgründiges oder Geistvolles. Möglicherweise hat Andy Warhol mit seiner Aussage Recht, dass jeder für 15 Minuten berühmt sein wird. Dass jeder auch für 15 Minuten bedeutend sein wird, hat er jedenfalls nicht gesagt. artlaboratory-berlin.de

Interieur. Wedding. © Fobo 2011

Interieur. Wedding. © Fobo 2011
The Absence of Art (Osloer Str. 105, 13359 Berlin ) wird von zwei polnischen Künstlerinnen geführt, die sich in erster Linie der textilen Kunst widmen. Der klar proportionierte Raum entspricht den Arbeiten von Jolanta Rudzka Habisiak, die mit Flechtwerktechnik und Tiefdruck die Papierfläche rhythmisiert und ästhetisch reizvolles Design schafft, das man gern ertasten würde. absence-of-art.de. Ein anderer Projektraum ist ebenfalls der Kunst Osteuropas verpflichtet, genauer gesagt Südosteuropas. Im Prima Center Berlin (Biesentaler Straße 24, 13359 Berlin) zeigt ein gespannter Stacheldraht sehr vordergründig die Teilung Europas in drinnen und draußen. Auch wir sind schnell wieder draußen. prima-center.net. Meine Begleiterin und ich beschließen, die anderen Adressen in eigener Regie zu erkunden, das gibt Muse zur Betrachtung des Wohnviertels. In der Tat fallen zwei Dinge angenehm ins Auge: die nächtliche Stille wegen des Fehlens von Straßencafés und Touristen und der Gestaltungswille der Anwohner, den der Blick in ihre Wohnungen verrät. Die Zusammenstellung von Kronleuchter, Tapete, Topfpflanze und Vorhang zeigt mehr Sorgfalt und Überlegung als manche lieblos arrangierte Ausstellung.



Ausstellungseröffnung im Kulturpalast Wedding
Gemälde an der Rückwand:
Sabine Wewer, From Dusk Till Dawn, 2010<
© Fobo 2011. Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin
Im Kulturpalast Wedding International (Freienwalder Str. 20, 13359 Berlin), den ich mir etwas größer vorgestellt hatte als die beiden Räume eines Ladenlokals, findet eine Einzelausstellung mit Malerei von Sabine Wewer statt. «Wie leergemalt erscheinen die Motive», heißt es im Ausstellungstext, und vielleicht ist das der Grund, dass sich die wenigen Besucher lieber an der Bar versammeln. kulturpalastwedding.com.

Anders bei der «one night group show Stranded In The Future» im Spor Klübü (Freienwalder Straße 31, 13359 Berlin), dessen Name auf die vielen türkischen Bewohner des Weddings Bezug nimmt. Hier wird auch der Gehweg vor dem Haus belagert und drinnen ist kein Durchkommen. Türken sieht man übrigens keine, sie scheinen ihre eigenen Sportklubs vorzuziehen, aber das Publikum ist international und wie meistens bei Vernissagen mit sich selbst beschäftigt. Ein Mann, der sich ein Gerüst aus Metall und Papier umgehängt hat, erregt kaum Aufsehen, genauso wenig wie die bunten Bilder an den Wänden.

Mehr Konzentration verwendet man darauf, nicht über das Blechknäuel zu stolpern, das in die Mitte des Raums platziert wurde. Der Ausstellungstext nennt sage und schreibe 44 Namen, und wenn jeder seinen besten Freund / seine beste Freundin mitbringt, wird es eng, aber lustig. Wir haben uns von zwei Künstlern ins Gespräch verwickeln lassen, die einen Kuchen gebacken hatten und uns aufforderten, davon zu essen. Das Angebot lehnten wir dankend ab, da uns die Farbe nicht appetitlich erschien, aber das Gespräch war amüsant, auch wenn ich mich an den Inhalt nicht mehr erinnere. Kolonie Wedding: Spor Klüb

 

Auf dem Heimweg stellte sich aber doch eine gewisse Melancholie ein. Das Credo des Sport Klübü - wie im übrigen fast aller Projekträume -, «Raum zum Experimentieren» zu bieten, klingt angesichts der ausgestellten Bilder, Skulpturen und Videos, die man so oder so ähnlich tausendmal gesehen hat, altbacken und beflissen, und der vielbeschworene «internationale Kontext» beschränkt sich darauf, dass viele der Künstler und Künstlerinnen außerhalb der Grenzen Deutschlands geboren sind. Im Allgemeinen hat man den Eindruck, dass kaum einer weiß, was er tut und vor allem, wozu er tut, was er tut. Unterhaltsam ist so ein Spaziergang allemal, aber man sollte nicht von der Voraussetzung ausgehen, dass die Projekträume die neue, ästhetisch oder intellektuell erregende Kunst zeigen, die man in den etablierten Orten womöglich vermisst.

Was ist Kunst? Im Urheberrecht konnte man dieser Frage nicht aus dem Weg gehen, und so findet man hier den Begriff der «schöpferischen Höhe» einer geistigen oder künstlerischen Leistung, die den Unterschied zur Reproduktion bestimmt. Diese Definition hat den Vorteil, dass nicht nur die «Reproduktion» der «Kunst» gegenübergestellt wird, sondern dass es eine graduelle Abstufung gibt von «weniger Kunst» zu «mehr Kunst». In diesem Sinne plädiere ich für mehr Kunst in der bildenden Kunst. Denn der Zauber, den ein Film auf uns ausübt, die Euphorie, in die uns eine musikalische Aufführung versetzt – solche Momente stellen sich beim Kunstspaziergang selten ein. Schönes, Interessantes und Gelungenes findet man im Design, doch sobald die menschliche Verfasstheit in den Blick genommen wird, scheint eine ganze Generation von Kunstschaffenden eine eigenartige Genugtuung darin zu finden, mir mit einem winzigen Ausschnitt der Welt beweisen zu wollen, dass diese noch trivialer ist, als wir sie ohnehin kennen. Meiner Meinung nach ist die eigentliche Leistung der Kunst jedoch, die Welt, die wir kennen, zu vergrößern, nicht zu verkleinern. Denn in dieser Welt ist noch eine Welt, die von wunderbaren Möglichkeiten erfüllt ist.

Berlin ist groß, die Ausstellungen wechseln, die Neugier bleibt. Ausgeschlossen ist es ja nicht, dass wir jene Welt beim nächsten Spaziergang durch die Stadt der Kunstorte kennenlernen.



Hannelore Fobo, 2011

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