sightseeing in Berlin and Potsdam


 

www.see-berlin/art

Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Die Sammlung Boros im Bunker

Seite 1>> Seite 2 Seite 3 >> Seite 4 >>
© Hannelore Fobo, Berlin 2009


Gleich zu Beginn des Rundgangs, im Erdgeschoß, betreten wir einen Kubus mit einer übergroßen Deckenleuchte, deren Kugelkörper aus spiralförmig angeordneten semitransparenten Dreiecksplättchen besteht. Sie geben die Farben des Regenbogens wieder, mit Ausnahme von grün, und erzeugen auf den Flächen des Raums ein ornamentales Muster aus farbigen Schatten. Olafur Eliassons Lichtskulptur aus dem Jahr 2006 mit dem Titel „ Berlin Colour Sphere“ ist ein gutes Beispiel für das Interesse des Künstlers an der Wirkung von Licht und Schatten, insbesondere an abgestuft farbigen Schatten in Kombination mit geometrischen Grundformen. Indem diese Muster an den Innenkanten des Raumkubus’ gebrochen werden, ergeben sich weitere reizvolle ästhetische Effekte.



Der Bunker vor der Sanierung © Fobo 2003

Kitty Kraus nutzt das Prinzip der Lichtbrechung zur Schaffung von perspektivischer Raumillusion. Drei auf dem Boden stehende Quader, in der Größe vergleichbar mit Lautsprecherboxen, sind aus einzelnen Spiegeln zusammengeklebt, und zwar so, dass die Kanten des Quaders schmale Öffnungen lassen. Die Innenbeleuchtung tritt durch diese Schlitze als gelblich-roséfarbener Lichtstrahl auf die dunkle Wand; dieser wird auf die Spiegel zurückgeworfen und in der Folge in stetig abnehmenden Intervallen auf der Wand vervielfältigt. Durch den Schnitt der horizontalen, vertikalen und diagonalen Lichtstreifen entstehen geometrische Gebilde, die die Illusion von Raumtiefe schaffen. Das Bemerkenswerte an dieser physikalischen Erscheinung ist ja, dass die Lichtstreifen bei der Vervielfältigung immer mehr aneinanderrücken: ein Prinzip, das man sich bei der perspektivischen Darstellung von Räumlichkeit auf einer Fläche zunutze macht. Man fühlt sich beim Betrachten dieses Raumes unwillkürlich an den polyvalenten Aufbau expressionistischer Werke erinnert, insbesondere an Lyonel Feiningers Holzschnitt „Kathedrale“ von 1919 mit seiner starken Sogwirkung. Allerdings ist Feininger radikaler, weil er mathematische Gesetzmäßigkeiten durch freie Gestaltungselemente bricht und dadurch rein mechanische Wirkungen dynamisiert.

Einen weiteren Schwerpunkt der Ausstellung bilden Skulpturen bzw. Objekte skulpturalen Charakters. Anselm Reyle ist mit einer ganzen Reihe von Werken vertreten, darunter dem „Heuwagen“ aus dem Jahre 2003, der 2004 im Migros Museum für Gegenwartskunst Zürich im Rahmen der Ausstellung „It’s All an Illusion“ gezeigt wurde. Letzteres ist aus dem Grund interessant, weil es erlaubt zu vergleichen, auf welche Weise der umgebende Raum die Wahrnehmung des Objekts beeinflusst.

Zunächst zum Objekt selbst. Ein alter holzgefertigter Heuwagen mit Deichsel, der deutliche Spuren seines langjährigen Gebrauchs aufweist, wurde komplett mit gelber Neonfarbe überzogen. Ein Fundstück aus seinem Kontext zu lösen und durch einfachste Mittel möglichst effektvoll zu verfremden, ist ein Gestaltungsprinzip der Pop-Art, zu der Anselm Reyle große Affinität hat. Die Einfachheit des Artefakts, die der städtische Museumsbesucher aus einer gewissen Sentimentalität heraus nicht als primitiv, sondern als gediegen empfindet, wird durch den homogenen Farbanstrich betont. Die Signalwirkung des Neongelb ist eine überdeutliche Geste des Autors, mit der er sich selbstbewußt als Neuschöpfer des Objekts bestimmt. In Zürich wurde der Heuwagen in einer hellen, teilweise mit Tageslicht beleuchteten Halle plaziert; er wirkte dadurch wie abgestellt, beiläufig. In Berlin steht er in Betonwänden eingefasst, die bis auf halber Höhe das abblätternde Schwarz des Dark-Rooms der wilden Neuziger tragen. Blaulicht-Leuchtstofflampen lassen den Raum schwarz und blau schimmern und verleihen dem Gelb des Wagens einen giftgrünen Stich. Die Zürcher Lakonie wird zum feierlich-dämonischen Schauspiel.

Wie sehr das Prinzip des „Raumes im Raum“ zur Anwendung kommt, zeigt sich an der Wahl des Standorts für „Temporarily Placed“ des Künstlerpaares Ingar Dragset und Michael Elmgreen. Die Gestaltung eines Krankenzimmers mit lebensecht wirkender Figur im Krankenbett steht in der Tradition des amerikanischen Künstlers Duane Hanson, der sich bereits in den siebziger Jahren auf die möglichst realistische Wiedergabe von Personen in Alltagssituationen spezialisierte. Dieser lange Jahre in der Kunstszene verpönte Ansatz, gewissermaßen das Wachsfigurenkabinett des Grauens, hat mittlerweile Anerkennung gefunden, und der kenntnisreiche Umgang mit Fiberglas und Echthaar wird durchaus honoriert.

nächste Seite >>

nach oben


 

Hannelore Fobo - sightseeing in Berlin + Potsdam - Stadtführungen auf deutsch sightseeing in English
visites guidées en françaisvisite guidate in italiano visitas guiadas en español
visitas guiadas em português ekskursii po-russkij

Hannelore Fobo, Tel. ++ 4 9 / (0) 3 0 / 7 7 1 8 7 5 6, mobil/cellphone ++ 4 9 / (0) 1 7 7 / 7 7 1 8 7 5 6, Fax ++ 4 9 / (0) 3 0 / 7 7 1 8 6 8 9

email: Hannelore Fobo <halo.fobo@t-online.de>



zurück
back to www.see-berlin.de