sightseeing in Berlin and Potsdam


 

www.see-berlin/art

Zeitgenössische Kunst in Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Die Sammlung Boros im Bunker

Seite 1>> Seite 2 >> Seite 3 Seite 4 >>
© Hannelore Fobo, Berlin 2009


Der Patient, ein etwa fünfzigjähriger Mann mit magerem Gesicht, leuchtend blauen Augen, verstrubbelten Haaren und akkuratem Pyjama, den Oberkörper hochgelagert, schaut aufwärts in eine unbestimmte Ferne. In der Tat, dieser Blick prallt nicht an einer Betonwand ab, sondern fällt durch ein großes Fenster auf Himmel und Bäume. Für diese Installation wurde einer der wenigen Räume des Bunkers gewählt, der mit einer Fensteröffnung versehen ist. Die Öffnung wurde noch zu DDR-Zeiten für die Einlagerung des Obstes gebrochen. Zwischen Bett und Eingangsbereich des Zimmers ist ein großer Wandschirm gerollt, auch er ein originales Krankenhausmöbel. Das nüchterne glatte Weiß von Wänden und Decke vervollständigt den Eindruck eines Krankenzimmers.



Bunker, Rückseite © Fobo 2009


Dieser Wandschirm, der ein Minimum von Intimität garantieren soll, aber auch den Kranken „entsorgt“ - wie man den Titel der Installation „Temporarily Placed“ ebenfalls interpretieren kann -, verleitet den Besucher dazu zu entdecken, was man durch ihn verbirgt. Aber auch das Fenster reizt die Neugierigen, und zwar die außerhalb des Bunkers, weil man von dem Hotel, welches sich unmittelbar hinter dem Fenster befindet, direkt auf den „Kranken“ schauen kann. Natürlich verspürt man dort den dringenden Wunsch, sich Aufklärung zu verschaffen über das, was innerhalb der Mauern des Bunkers vor sich geht. Das „Guckloch“ ist eine gut kalkulierte Provokation, zumal sich der Bunker von außen nicht als Museumsgebäude zu erkennen gibt. Es sollen sich wiederholt Personen, die sich angesichts der Reglosigkeit des Patienten Sorgen um seinen Zustand gemacht haben, beim Einlass zur Sammlung gemeldet haben.


Die Inszenierung von Krankem und Krankenzimmer ist so gewählt, dass der Besucher zwar mit gutem Recht die Grenze zur Wahrung der Intimität überschreitet – er befindet sich ja in einem Museum, und hier ist Neugierde erwünscht! - sich nichtsdestoweniger ertappt fühlt. Die realistische Darstellung der Szene zielt offensichtlich darauf ab, dass der Besucher Mitleid mit der Puppe empfindet, das heißt selbstverständlich nicht mit der Puppe, sondern mit einer vorgestellten Person, an die man sich erinnert. Die Szene ist gestellt, doch die Gefühle sind echt. Anders als im Theater, wo die Distanz zur Bühne die Gefühle des Zuschauers schützt, stellt sich hier für den Bruchteil einer Sekunde eine peinliche Verlegenheit ein, als ob man ohne Erlaubnis in ein echtes Krankenzimmer mit einem echten Kranken eingetreten wäre.

Der gutwillige Betrachter, der seiner Neugierde nachgibt, wird behandelt wie der Passant, der sich hoffnungsvoll nach einer Geldbörse bückt, die plötzlich an einer unsichtbaren Schnur von ihm weggezogen wird. Dragset & Elmgreen legen es darauf an, dass der Betrachter sich eine Blöße gibt, Schein für Sein hält. Sie spielen Max und Moritz, und auch der Hausherr scheint Gefallen an diesem Lausbubenstreich zu haben, denn sonst hätte er nicht das passende Zimmer zur dafür Verfügung gestellt. Es ist bemerkenswert, dass gerade mit diesem Kranken die Verbindung nach draußen geschaffen wird. Der demonstrative Witz dieses Spiels mit dem Voyeurismus hinterlässt einen ausgesprochen zwiespältigen Eindruck.

Mit anderen Worten, die Ausstellungsräume sind Kuben, doch beileibe keine neutralen White Cubes. Es stellt sich der Effekt ein, dass ein Kunstwerk um so besser zur Geltung kommt, je reduzierter es auftritt. Dies zeigt sich ganz besonders bei Anselm Reyles „Heuballen“, einem Objekt, das tatsächlich aus nichts anderem als einigen pyramidenartig aufeinandergestapelten und mit Silberspray überzogenen Heuballen besteht. Die enge räumliche Einfassung der Heuballen bildet ein Schmuckkästchen, das aufgeklappt seinen kostbaren Inhalt zur Schau stellt.

Die strikte Begrenzung der Räume nach allen Seiten durch massive Betonwände, die sich ins Sichtfeld schieben, verlangt einen inhaltlich klar strukturierten Kontrapunkt: eine Lichtinstallation, die mit der Begrenzung arbeitet oder eine Skulptur, die durch besondere Lichtführung akzentuiert wird. Komplex angelegte Werke können sich dagegen nicht entfalten, was sich bei Jonathan Meeses Gemälden bemerkbar macht; es fehlt ihnen der korrespondierende Raum. Mit „komplex“ ist hier nicht die Ausführung des Werkes gemeint, sondern seine Grundidee.

nächste Seite >>

nach oben


 

Hannelore Fobo - sightseeing in Berlin + Potsdam - Stadtführungen auf deutsch sightseeing in English
visites guidées en françaisvisite guidate in italiano visitas guiadas en español
visitas guiadas em português ekskursii po-russkij

Hannelore Fobo, Tel. ++ 4 9 / (0) 3 0 / 7 7 1 8 7 5 6, mobil/cellphone ++ 4 9 / (0) 1 7 7 / 7 7 1 8 7 5 6, Fax ++ 4 9 / (0) 3 0 / 7 7 1 8 6 8 9

email: Hannelore Fobo <halo.fobo@t-online.de>



zurück
back to www.see-berlin.de