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Zeitgenössische Kunst in

Berlin

Führungen zur Kunst in Galerien und Ateliers


Die Sammlung Boros im Bunker

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© Hannelore Fobo, Berlin 2009

Die Zimmer eines Hauses wurden eingerichtet. Es ist ohne Zweifel ein ganz besonderes Haus. Seine bizzare Architektur ist ein Erbe der NS-Zeit. Die blockförmige Geschlossenheit ist seiner Funktion geschuldet, der Wille zu künstlerischer Formgebung manifestiert sich in einer Art klassizistischer Kastellästhetik, doch erst die Schrunden und Witterungsspuren auf dem unverkleideten Beton machen es zum unfreiwilligen Zeugnis eines Regimes, welches sein Volk in Bunker zwang und am Ende sich selbst im einem Bunker verschanzte, um von dort aus in seiner Agonie das ganze Land mit in den Untergang zu reißen.

Wahrscheinlich wäre es wie andere markante Bauten aus der Zeit des Dritten Reichs im Zuge der „Entnazifizierung“ schon längst verschwunden, wenn eine gefahrlose Sprengung in einem Wohngebiet möglich gewesen wäre, doch verbietet sich dies bei Außenmauern von drei Metern Stärke. Mehrere diese Hochbunker sind in Berlin übriggeblieben, einer wird als Gruselkabinett genutzt, ein anderer, nach mehreren vergeblichen Sprengversuchen mit Trümmerschutt und Erde zugeschüttet, steht für Begehungen mit festem Schuhwerk und Taschenlampen zur Verfügung. Die starke Nachfrage nach solchen Besichtigungen, die auch durch unterirdische Bunkeranlagen angeboten werden, spricht von der anhaltenden Faszination authentischer Orte von Krieg und Tod. In diesem Sinn stehen alle Bunker für den Bunker, in dem Hitler die letzten Wochen seines Lebens bis zu seinem Selbstmord verbrachte. Es ist nicht das Leid, das anzieht, sondern das Böse, welche sich im dunklen Keller verbirgt und von dort aus Furcht und Schrecken verbreitet.



Bunker mit Penthouse © Fobo 2009

Als merkwürdiger nicht zu klassifizierender Fremdkörper schiebt sich der Hochbunker an der Ecke Albrecht- / Reinhardtstrasse, im kulturellen und politischen Zentrum der Stadt, zwischen gläserne Neubauten und historisierende Gründerzeitarchitektur. Das Penthouse und das Fehlen einer jeglichen Reklame, von Fahnen oder anderer Hinweise auf seine Nutzung verleihen ihm nun einen eindeutig privaten Charakter und lösen ihn damit noch mehr aus seiner Nachbarschaft. Obwohl seine Maße Bezug auf die umliegenden Gebäude nehmen, steht er ganz für sich.

Vielleicht ist das Beste, was diesem Haus passieren konnte, die Übergabe in private Hände und die damit verbundene Umwandlung in ein Kunstzentrum. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist es ein Ort der Kontemplation, der ruhigen, konzentrierten Betrachtung. Es neutralisiert seine Vergangenheit nicht, aber es inszeniert sie auch nicht. Es trifft gewissermaßen eine Übereinkunft mit ihr. Sein spezifisches Innere, die Aufteilung in Zellen, wird bei der Neugestaltung als Grundsatz respektiert und nutzbar gemacht.

Der Gang durch das Haus vermittelt eine genaue Vorstellung vom gemeinsamen Wirken von Sammler und Künstlern am neuen Standort. Die Sammlung selbst ist ja nicht für die Präsentation im Bunker begonnen worden, denn bei Sammlungsbeginn 1990 konnte davon noch keine Rede sein. Der Bunker gibt ihr aber ein entscheidendes Gepräge. Positiv gesprochen isoliert er die einzelnen Werke voneinander in der Art eines Setzkastens und wertet sie damit auf. Negativ gesprochen verhindert die Beschränktheit der Raumvolumina wiederholt die volle Wirkung des Werkes. Wenn Christian Boros Santiago Sierras massive Pfeiler auf dessen Wunsch durch Betonwände stoßen lässt und die Negativform der Durchbrüche neben die Pfeiler stellt, so wirkt das nicht wuchtig und gewaltsam, sondern gewollt. Man kann sich immerhin vorstellen, welche körperliche Empfindung eine solche Installation auslöst, wenn sie in großem Maßstab aufgebaut wird. Im Bunker kommt sie nicht zur Entfaltung. Die größtmögliche Raummasse in einem beschränktes Raumvolumen wird als Disproportionalität wahrgenommen. Dieses Missverhältnis führt paradoxerweise dazu, dass manche der Kunstwerke trotz ihrer Größe miniaturhaft wirken, vergleichbar mit der Ausstattung eines Puppenhauses.

Die Zimmer dieses Hauses sollten nicht gemütlich werden, und sie sollten kein Leben vortäuschen. Die Kunstobjekte sind im wörtlichen Sinne künstliche Objekte, sie wahren die Distanz und ziehen sich auf sich selbst zurück. In ihrer Künstlichkeit werden sie zum Design (Bojan Sarcevic, Katja Strunz). Selbst da, wo man mit ihnen spielen darf, stellt sich das Spiel nicht spontan ein, sondern bleibt didaktische Geste. Rikrit Tiranvanijas Aufforderung, Wasserbecher nach dem Trinken in den Raum werfen, ist nicht dazu angetan, eine intimere Verbindung zwischen Kunstwerk und Betrachter herzustellen.

Für die Kostbarkeit des Inhaltes sorgt das Gebäude selbst. Nach außen versiegelt – nur die Krankheit schaut heraus – wird der Bunker zum Mausoleum, in welchem Erinnerungen an das Leben draußen aufbewahrt werden. Da gab es Menschen, Heu und Leiterwagen, Licht und Sonne. Draußen waren sie lebendig. Sie sind jetzt tot. Mit einem Abglanz ihres einstigen Lebens versehen sind sie eingeschlossen wie in einer Pyramide. Man geht treppauf treppab von Grabkammer zu Grabkammer und staunt über Zeugnisse einer vergangenen Kultur, Grabbeigaben (Tobias Rehberger), flackernde Videos (Mark Leckey), Überreste eines Gelages (Rikrit Tiranvanija), Mumien (Elmgreen & Dragset), Piktogramme (Daniel Pflumm), magische Riten (Santiago Sierra). Eine gewisse Feierlichkeit stellt sich ein.

Eine jegliche museale Präsentation bringt eine Kontextverschiebung, eine „Musealisierung“ der Exponate mit sich. Doch selten ist die zeitliche Verhaftung der Gegenwartskunst zum Moment ihrer Entstehung so offensichtlich wie im Bunker. In diesem Haus wird das, was heute geschaffen wird, bereits Vergangenes.

Der Bunker bildet mit den ausgestellten Werken ein Gesamtkunstwerk. Ob diese Werke außerhalb ihrer Hülle wieder zum Leben erwachen können, bleibt unbeantwortet.

Hannelore Fobo, 2009

www.sammlung-boros.de

Besichtigungen samstags und sonntags nach vorheriger Anmeldung


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